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Interview mit dem chinesischen Literaturkritiker Li Jingze

 

Li Jingze, geboren 1964 in Tianjin, gilt er als einer der einflussreichsten chinesischen Literaturkritiker und Entdecker vieler Newcomer. Zurzeit ist Li Jingze Chefredakteur der chinesischen Literaturzeitschrift Renmin Wenxue (Volksliteratur).


Bartz: China ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Die deutschsprachigen Verlage haben alle Interesse an chinesischer
Gegenwartsliteratur bekundet, möchten allerdings zumeist gern Bücher junger Autoren kennenlernen. Ist dieser Wunsch für Sie nachvollziehbar?

 
Li: Ich denke, viele deutsche Leser würden gern durch die chinesische Literatur mehr über China erfahren. Und von jungen Autoren erhoffen sie sich eine
direktere und offenere Darstellung dessen, was aktuell hier und jetzt in China passiert. Übrigens ist dies auch der Wunsch der chinesischen Leser. Wir selbst begegnen dem, was tagtäglich um uns herum geschieht, mit tiefer Verwirrung, aber auch mit großer Neugier. Wir hoffen, die Literatur kann unsere komplexen Erfahrungen und unsere bunt schillernde, in ständigem Wandel begriffene
kulturelle und moralische Verfasstheit widerspiegeln. Für diese Aufgabe eignen sich die jüngeren Schriftsteller in der Tat besser als die älteren, weil sie dem Wandel mit größerer Empfänglichkeit und Phantasie begegnen und weil der Drang und Mut zum Selbstausdruck bei ihnen größer ist.       

 
Bartz: Was versteht man unter der „jungen Generation“ von Schriftstellern? Wie alt sind diese Autoren? Lässt sich ein klarer Trennstrich zwischen jüngerer und älterer Generation ziehen, wenn es um Thema, Stil und Sprache geht?

 
Li: Wir teilen die chinesischen Schriftstellergenerationen gern nach Jahrgang ein. Noch vor ein paar Jahren redete man von den „70ern“ und meinte damit die in den 70er Jahren geborenen Schriftsteller, die seinerzeit als die jüngsten,
originellsten und scharfzüngigsten galten – so dass manch einer, der das Pech hatte, 1969 geboren zu sein, darüber in Trübsinn verfiel. Aber inzwischen sind die „70er“ schon von den „80ern“ überholt worden. Manche scherzen, dass auch die „80er“ schon wieder zum alten Eisen gehören, weil die „90er“ sie verdrängen – ein Scherz, der inzwischen Wirklichkeit wird.

Aber diese Art von Schubladendenken ist einfältig – als ob Schriftsteller, nur weil sie im selben Jahrzehnt zur Welt gekommen sind, automatisch die gleichen
Eigenheiten hätten. Dennoch ist diese unsinnige Etikettierung ziemlich populär, weil sich in ihr eine ernste und weit verbreitete Sorge äußert: Angesichts des dramatischen gesellschaftlichen Wandels, mit dem bei uns jeder konfrontiert ist und mit dessen Tempo wir in unserem eigenen Erleben kaum Schritt halten können, fühlt sich jeder in seiner Identität bedroht und sucht umso dringlicher nach Beweisen dafür, dass er inmitten der allgemeinen Unberechenbarkeit immer noch Herr seines Lebens ist – und sei es auch nur als Teil einer dominanten Gruppe. Entsprechend glauben die jungen Autoren, dass sie die Trendführer sind und dass sie ihre Werke schneller als andere produzieren und verbreiten können, weil die neuen Medien, Internet und Popkultur auf ihrer Seite stehen. Mit der Behauptung, sie seien mit ihren Erfahrungen mehr als jeder andere am Puls der Zeit, reißen sie die Diskursmacht an sich und fühlen sich den Älteren überlegen. Aber wahrscheinlich ist das nur eine geduldete Illusion. Wie in anderen Ländern sind auch in China immer noch die Älteren an der Macht.

So ist es kein Wunder, dass jede neue Schriftstellergeneration in China von sich behauptet, sie sei ganz anders als alle vorigen. Aber ich denke, die jungen Schriftsteller dürfen sich nicht mit ihren an der Oberfläche neuen Erfahrungen – die schnell verblassen – begnügen und müssen erst noch den Beweis antreten, dass sie Werke von Bestand hervorbringen können.  

 
Bartz: China hat in den letzten 30 Jahren, der sogenannten Ära der „Reform- und Öffnungspolitik“, einen Umbruch durchlebt. In der Literatur wurden die 80er als „avantgardistisch“ etikettiert, die 90er als „neorealistisch“. Welchen Namen wird das das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erhalten? Sind Sie mit dieser Art der Literaturgeschichtsschreibung einverstanden?

 
Li: Wir müssen mit solchen Etiketten sehr vorsichtig sein, denn sie drohen den Blick auf die Vielfalt des Schreibens zu verstellen. Natürlich hat die Literatur auf den radikalen Wandel reagiert, den China in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat. Dennoch folgt die Entwicklung der Literatur ihrer eigenen Logik und ihrem eigenen Rhythmus; die Literatur ist nicht bloß ein passives Anhängsel.

Generell gesagt zeichnete sich die chinesische Literatur in den 80ern durch ihren aufklärerischen und avantgardistischen Charakter und durch die Suche nach den eigenen kulturellen Wurzeln aus. In den 90ern entdeckte die Literatur dann den Körper, die sexuelle Begierde, den Alltag und die Lebensumstände in einer zunehmend marktwirtschaftlichen Gesellschaft. Selbstverständlich hängen diese Themen mit der rasanten ökonomischen Entwicklung Chinas zusammen, aber sie spiegeln auch den Drang der Literatur selbst wider, sich diese neuen Bereiche anzueignen. Als chinesische Schriftsteller 1977 (nach der Kulturrevolution) wieder mit dem Schreiben anfingen, hatten sie noch keine eigene Sprache und kein eigenes Thema. In den darauf folgenden 30 Jahren haben sie eilig nachgeholt, was ihre chinesischen Kollegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihre westlichen Kollegen in den letzten 200 Jahren getan hatten: den Menschen aus den Fängen der Ideologie befreien, ihn zum Gegenstand der Erkenntnis und Imagination erheben und nach einer Form und Sprache suchen, die unserer chinesischen Erfahrungs- und Lebenswelt gemäß ist. Entsprechend eilig hatte es die chinesische Literatur in den letzten Jahren; für Perfektionismus blieb da keine Zeit. Auf die Schnelle wollte man alles Mögliche nachholen; an der nötigen Besonnenheit hat es dabei gefehlt.

Bereits am Ende des letzten Jahrhunderts hat die chinesische Kultur starke Einflüsse durch Internet, Globalisierung, Konsum, Massenmedien und Popkultur erfahren. Plötzlich fanden sich die Schriftsteller in einem völlig neuen Umfeld wieder, mit einer neuen Sprache, neuen Verbreitungskanälen und einem neuen kulturellen Kontext. Die sogenannte „reine Literatur“, wie sie traditionell von den Intellektuellen gepflegt wurde, war damit ernsthaft herausgefordert. Heutzutage ist die chinesische Literatur schon ein Teil der Konsumkultur.      

 
Bartz: Die chinesische Literatur behandelt oft das Thema Landleben. Manche behaupten sogar, 80 Prozent der chinesischen Literatur sei Bauernliteratur. Trifft das zu?

 
Li: Keine Ahnung, wie man auf diese Zahl kommt. Blickt man auf die Literatur der letzten 30 Jahre als Ganzes zurück, dominiert das Thema „Land“ aber in der Tat. China ist traditionell ein Agrarland. Das Land stellt ein Kernproblem der
Modernisierung und des gesellschaftlichen Wandels dar und hat als solches lange Zeit die Aufmerksamkeit der Intellektuellen und Schriftsteller auf sich gezogen. Bis heute sind die meisten der über 40jährigen Schriftsteller mehr oder weniger mit dem Landleben vertraut.

 
Bartz: In der deutschen Presse wird oft über Metropolen wie Peking und Shanghai berichtet. Die jungen deutschen Leser möchten durch die chinesische Literatur das urbane Leben kennenlernen. Laut Statistik erreicht die Urbanisierung in China 35 Prozent. Gibt es schon eine reife und gute chinesische Stadtliteratur?      

Li: Metropolen sind in China etwas Neues. Der Zuzug von Menschen vom Land in die Stadt und von kleineren in größere Städte, die Urbanisierung und die
Entstehung von Metropolen, all das hat erst Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts richtig begonnen. 


Die literarische Gestaltung des Stadtlebens setzte erst Anfang der 90er richtig ein. Dabei verfügten die Schriftsteller über keine Ressourcen aus der eigenen Tradition. Sie mussten bei null anfangen. Viele Autoren griffen notgedrungen auf die Erinnerung an das Shanghai der 30er Jahre zurück. Dank der jüngeren
Schriftstellergeneration bilden Bücher mit städtischen Themen inzwischen
zumindest quantitativ gesehen den Mainstream. Schriftstellerinnen und
Schriftsteller wie Wang Anyi, Bi Feiyu, Zhu Wen, Li Er und Li Feng haben dazu wichtige Beiträge geleistet. Bei den in den 70er und 80er Jahren geborenen Schriftstellergenerationen haben die meisten Werke mit der Stadt zu tun.

Dabei versuchen die Schriftsteller den gewaltigen Einfluss, den die Städte auf unser Leben ausüben, zu verstehen. Dadurch ist die chinesische
Gegenwartsliteratur in einen neuen Bereich eingetreten, mit neuen Themen, einem neuen Stil und einer neuen Sprache. Aber vielleicht sind wir immer noch zu aufgewühlt von diesen Erfahrungen, als dass sich eine daraus schöpfende reiche literarische Imagination schon zur Genüge hätte entfalten können. 

 

Bartz: Ein in Deutschland ziemlich bekannter chinesischer Roman ist „Shanghai Baby”. Viele haben das Buch gelesen, sind aber nicht mit seinem literarischen Niveau zufrieden. Wie denken Sie über „Shanghai Baby“?

 
Li: Natürlich ist „Shanghai Baby“ literarisch misslungen. Ich weiß, dass mancher deutsche Kritiker darüber enttäuscht oder gar erzürnt ist. Aber in China wundern sich die Gelehrten und Kritiker, warum die Deutschen diesem Buch so viel Aufmerksamkeit schenken. Kein ernsthafter chinesischer Kritiker würde behaupten, dieses Buch könne die Gegenwartsliteratur repräsentieren.

 
Bartz: Eine weitere in Deutschland bekannte chinesische Schriftstellerin ist Hong Ying. Wird sie in China als Vertreterin der Frauenliteratur anerkannt? Gibt es noch weitere gute Schriftstellerinnen?

 
Li: Die Frauenliteratur ist innerhalb der chinesischen Gegenwartsliteratur eine äußerst vitale Strömung. Ihr entstammen einige der besten chinesischen
Autor(inn)en überhaupt, z.B. Tie Ning, Wang Anyi, Chi Zijian. Denkt man bei
Frauenliteratur an Feminismus, dann sind Chen Ran und Lin Bai besonders
repräsentativ. Die Präsenz derart vieler ausgezeichneter Schriftstellerinnen auf der literarischen Bühne ist ein auffälliges Phänomen der zeitgenössischen Literatur. Unter diesen Schriftstellerinnen sind gerade auch viele junge sehr produktiv, darunter Jin Renshun, Wei Wei, Dai Lai, Zhu Wenying, Qiao Ye, Lu Min, Zhang Yueran und Zheng Xiaoqiong. In ihren Werken nimmt die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Stellung ein.            

 
Bartz: In unseren Gesprächen in Leipzig haben viele deutschsprachige
Verlagsleute eine doppelte Erwartung betont: zum einen sollen die Bücher den
gesellschaftlichen Umbruch darstellen und vermitteln, wie Chinesen heute leben, denken, fühlen; zum andern müssen diese Bücher für westliche Leser zugänglich sein. Anscheinend ist die gegenwärtige chinesische Literatur für andere Völker oft schwer verständlich. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

 

Li: Es besteht zugegebenermaßen eine große Differenz zwischen der chinesischen und der westlichen Kultur. Das macht es schwer für die chinesische Literatur, international rezipiert und anerkannt zu werden. Ich glaube aber, wenn wir uns erst einmal auf eine fremde Literatur einlassen im festen Willen, den anderen zu verstehen, dann können wir sowohl die kulturelle Kluft als auch die Fremdheit der anderen Erfahrungswelt überwinden. 
 

Bartz: Können Sie uns drei zeitgenössische Schriftsteller nennen, die Sie besonders schätzen?

 
Li: Mo Yan ist vielleicht der chinesischste aller heutigen Schriftsteller. Er ist ein ungeheuer vitaler Schriftsteller, der seine Kraft aus seiner tiefen Verwurzelung in der chinesischen Heimaterde schöpft. Zhang Chengzhi beunruhigt seine Leser und scheut sich nicht, sie vor den Kopf zu stoßen und seine Ansichten über die Welt in aller Entschiedenheit zu äußern; außerdem beherrscht er meiner Meinung nach die chinesische Sprache so meisterhaft wie kaum ein anderer. Wang Anyi schließlich ist unsere empfindsamste Schriftstellerin; ebenso ausdauernd wie tiefschürfend erkundet sie unsere Erfahrungen.

 

Bartz: Wer sind Ihrer Meinung nach die drei jungen chinesischen Schriftsteller mit dem größten Potenzial?

 
Li: Soll ich würfeln? Wenn ich mich denn festlegen muss: Xu Zechen, Lu Min und Tian Er. Am Anfang unseres Gesprächs haben Sie erwähnt, dass deutsche Leser gern Werke jüngerer Autoren lesen würden. Da habe ich sofort an diese drei Autoren gedacht.

 

Der Interview fühhte Jing Bartz, Leiterin des Buchmesse Informationszentrum Peking.


"Round Dance" (c) Avant Verlag

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