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Radikalität ist Programm

 

 

Der libanesische Verlag Dar al-Adab.

« Man nennt uns den Suhrkamp Verlag der arabischen Welt », sagt nicht ohne Stolz Rana Idriss, Verlegerin des in Beirut ansässigen Dar al-Adab Verlags. Vor etwas mehr als fünfzig Jahren gründete Dr. Souheil Idriss das Verlagshaus, in dem seither arabische und fremdsprachige Belletristik, literaturwissenschaftliche Studien, politische Essays und in jüngerer Zeit auch Kinder- und Jugendliteratur erscheinen. Die HausautorInnen von Dar al-Adab gehören zu den erfolgreichsten unter den SchriftstellerInnen in der arabischen Welt: Adonis, Elias Khoury, Hassan Daoud, Ahlam al-Mustaghanami und Hanan al-Scheikh. Sie alle sind inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt und haben den Weg zum westlichen Publikum gefunden. Auch die Preisträger der in den letzten zwei Jahren vergebenen arabischen Literaturauszeichnungen sind bei Dar al-Adab im Programm: Wassini al-Araj (letztjähriger Gewinner des in Abu Dhabi vergebenen Sheikh Zayed Book Awards) und Baha Taher (Gewinner des International Prize for Arabic Ficion, auch „Arab Booker“ genannt). Regelmäßig die Etablierten zu verlegen, damit will man sich bei Dar al-Adab aber nicht begnügen. Es gehört genauso zur Verlagspolitik, neuere, noch unbekannte Stimmen zu präsentieren. So zum Beispiel junge Frauen, die sich kompromisslos an weibliche Themen heranwagen und mit unerhörter Selbstverständlichkeit gesellschaftliche Tabus brechen. Badriya al-Bishr aus Saudi Arabien und Miral al-Tahawi aus Ägypten gehören zu den aufregendsten Vertreterinnen der Gegenwartsliteratur, die bei Dar al-Adab erscheint.

Die Gründung von Dar al-Adab 1956 war eng an die politische Linke der fünfziger und sechziger Jahre gebunden. Das kosmopolitische Beirut war zu diesem Zeitpunkt Magnetpunkt für die Intellektuellen des ganzen arabischen Raums. Von einer Flucht in die relativ zensurfreie und wirtschaftlich boomende libanesischen Hauptstadt erhoffte man sich viel – mehr als einer träumte von der Verwirklichung seiner kühnsten Fantasien bei seiner Ankunft in Beirut. In einem von politischem Aktivismus und Dogmatismus geprägten Klima gründete Dr. Souheil Idriss seinen Verlag. Das offen formulierte Ziel war es, als Sprachrohr für den arabischen Nationalismus zu fungieren. Diese Idee wird von der Tochter des Verlagsgründers Rana Idriss, die den Verlag 1986 übernahm, weiterverfolgt, obwohl sich – wie sie selbst sagt – die Vorzeichen seit den Sechzigern stark verändert haben. „In jüngster Zeit versucht Dar al-Adab, sich politisch zu öffnen, aber unser Engagement bleibt sich weiterhin gleich: Wir vertreten die laizistische Linke, kämpfen gegen die Militarisierung und die Globalisierung im Sinne der amerikanischen Außenpolitik. Auch interessieren wir uns für den Unabhängigkeitskampf der Völker der Dritten Welt. Der Kampf der Palästinenser für ein eigenes Land ist eine zentrale Frage, mit der wir uns auseinandersetzen. Wir wollen auch gegen die aufklährungsfeindlichen Strömungen, die in der arabischen Welt leider mehr und mehr an Boden gewinnen, ankämpfen.“

Das erste Buch, das bei Dar al-Adab erschien, war der Roman „Al hay al latini“ („Das Quartier Latin“) von Souhail Idriss, der als einer der ersten arabischen Schriftsteller das Leben arabischer Studenten in Paris beschreibt. Das Aufeinanderprallen von verschiedenen Wertesystemen und Lebensweisen war schon in den frühen Fünfzigern ein aktuelles literarisches Thema. Seit der Gründung zielt die programmatische Politik von Dar al-Adab darauf, Autoren und Autorinnen aus der gesamten arabischen Welt zu Wort kommen zu lassen, sowie auch wichtige Werke ins Arabische zu übersetzen. Souhail Idriss, der in Paris studierte, war stark geprägt von der französischen Kultur (er ist im Übrigen auch der Autor des wohl bekanntesten arabisch- französischen Wörterbuchs, al-Manhal, das in diesem Jahr in der 38. Auflage erscheint.) Während den sechziger Jahre waren es vor allem die französischen Existentialisten, die das internationale Programm des Verlages bestimmten und unter allen arabischen Intellektuellen von Paris bis Bagdad ausgesprochen en vogue waren.

Als Souhail Idriss’ Tochter Rana die Leitung des Verlags übernahm, wollte die an der University of New York ausgebildete Anthropologin eine größere Bandbreite von literarischen Werken ins Programm nehmen. Sie führte die Reihe japanischer und nordamerikanischer Literatur ein und setzte dadurch vermehrt auf Übersetzungen. Aber Lizenzen für ausländische Literatur sind für arabische Verhältnisse ausgesprochen teuer und die Übersetzungskosten beträchtlich (und kompetente ÜbersetzerInnen eine Rarität). Wenn man bedenkt, dass ein Titel auf dem arabischen Buchmarkt durchschnittlich für nicht mehr als 5 US-Dollar verkauft werden kann, so hat man schnell nachgerechnet, dass sich mit Übersetzungen nur schwer Geld verdient lässt. Spricht man die Verlegerin auf die Fördermittel, die einige Kulturinstitutionen für Übersetzungen ausschütten, an, berichtet sie vor allem von schlechten Erfahrungen. Gemessen am Aufwand, den sie für einen Antrag betreiben muss, lohnt sich die Sache oft nicht. Zudem ist die Auswahl der geförderten Titel an kulturpolitisches Kalkül des jeweiligen Landes gebunden. Und Rana Idriss hat da schlicht keine Lust mitzumachen. „Wir sind radikal unabhängig“, sagt sie – und trägt auch die Folgen dieser Unabhängigkeit mit Fassung: „Wir wissen nicht, was die Zukunft im arabischen Buchmarkt bringt. Es ist möglich, dass Übersetzungen zu teuer werden und wir nur noch arabische Texte machen werden. Was überhaupt nicht schlimm ist, wir haben genug aufregende Autoren und Autorinnen."

Zum Verlagshaus gehört auch die Zeitschrift Al-Adab, die noch vor dem Verlag gegründet wurde. Alles was in der arabischen Intellektuellenszene Rang und Namen hat, äußert sich in der Zeitschrift zu literarischen und politischen Themen. Eine vor Kurzem abgeschlossene Reihe zum Thema >Zensur in der arabischen Welt<, die die Missstände in den einzelnen Ländern anprangert, hat einmal mehr gezeigt, an welchen Fronten der libanesische Verlag kämpft, und das auf höchstem Niveau und mit größter Vehemenz.

 

 

Kontakt:

Rana Idriss, Dar al-Adab
P.O. Box 11
4123 Lebanon
kidriss@cyberia.net.lb oder d_adab@cyberia.net.lb
www.adabmag.com

00961 1 861633 Mobile 00961 3 86 16 32


"Round Dance" (c) Avant Verlag

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